Beobachtung von Interpretation trennen

Puh. Im Zug nach Wien. Ein weiteres Modul im grandios guten Lehrgang zum Lösungsfokussierten Berater und Coach bei https://sinnvoll-fuehren.com/

Ich bin alle und lass mich in den Sitz fallen. Nach der intensiven Trainingswoche, wenig Schlaf jetzt erst mal 4h Ruhe und konzentriertes Arbeiten. Ich klappe den Tisch aus der Lehne meines Vordermannes und beginne am Laptop zu arbeiten, als mir ein nervöser Junge im Sitz vor mir das konzentrierte Arbeiten unmöglich macht.

Immer wieder stösst er in seinem Sitz kraftvoll nach hinten, so dass mein Laptop erzittert.

“Contenance” denk ich mir, der wird doch gleich irgendein elektronisches Gerät rausziehen und sich davon hypnotisieren lassen.

Von Wegen! In unregelmässigen Abständen stösst er heftig zurück. *rrurrrrummms*. Mein Laptop scheppert. Meine Konzentration bricht. Mal hab ich knapp 10min Ruhe, dann wieder nur 2, dann irgendwas dazwischen.

“Alter! Das fängt wirklich an zu nerven!”

“Sag mal, der hat doch seine Eltern dabei. Die müssen das doch sehen!”

Keine Reaktion. Kurze Ruhe. *Pppprrrrrrr* *rrrummmms*

Ätzend. Ich dreh ab. “Was sind das denn für Eltern? Ignorantes Pack! Entweder die machen jetzt was oder ich!”. In meinem Kopf eskaliert die Situation schon. 

Ich mal mir aus, wie ich von hinten nach vorne geh und höflich aber bestimmt erst den kleinen Rotzlöffel, dann die Rabeneltern an meine Grundrechte zur ungestörten Arbeit und Ruhe erinnere.

*rrrummmms*

Nächster Gedanke: “Nee, ich mach das nicht höflich, ich lass den Rauch rein!”

“So eine verf**ckte Sch**sse” – die Stimme in meinem Kopf ballert gegen die Innenseite meines Kopfes

“Die wollen mich provozieren! WTF! Nicht mit mir Aaa$%§!rrrggh” 

Kurz bevor ich ausraste entspannt sich die Lage. Es wird ruhiger. Aaaaahhhh. Finally.

*rrrummmms* krrrrrkk *rrrummmms*

Nee. So geht das nicht. So wird das nichts. Überhaupt nichts.

Ich erinnere mich an eine Technik die ich mir aus dem Contextuellen Coaching und einem GfK Intensivkurs bei Andi Schmidbauer mitgenommen und für mich abgewandelt habe.

Beobachtung von Interpretation trennen. Eigenverantwortung über die Situation. Ich bin selbst für meine Gefühle verantwortlich. Der Auslöser (unruhiges Kind) hat nichts mit meiner Interpretation zu tun (=“Rotzlöffel”, “Rabeneltern”).

Beobachtung von Interpretation trennen

Ich erinnere mich an den Bildschirmhintergrund, den ich mir eigens dafür vor Jahren gebastelt habe.

Zwei Kreise auf orangenem Grund. Links Beobachtung, rechts Interpretation. Wann immer mich im Büro eine Situation geärgert hat, schnell alle aktiven Fenster minimiert und auf den Bildschirmhintergrund geschaut – und reflektiert:

“Was lässt sich objektiv beobachten?” und “Was ist meine Interpretation?” Hat mir schon damals geholfen, ruhig zu bleiben und meiner Interpretation nicht allzu viel Macht in der Situation einzuräumen.

Geht das auch in der Situation? Klar.

“Was beobachte ich?” Einen Jungen der sich unregelmässig aber intensiv im Sitz bewegt und eine erwachsene Frau und einen erwachsenen Mann, wahrscheinlich seine Eltern, die keine Notiz auf die Reaktionen des Jungen zeigen.

Das ist die Sachlage. Nicht mehr und nicht weniger.

Was ich interpretiere kann man oben lesen. “Übertrieben”, denk ich. “Entspann Dich, Marc. Komm runter!”

Schon gehts mir besser.

Ich klapp den Laptop zu. Was solls, schau ich eben raus und geniess die wirklich atemberaubende Landschaft des Salzburger Lands.

Krass, ist das schön. Bilderbuchbilder ziehen vorbei. Grüne Wiesen, Scheunen, Kühe vor den hohen Bergen des Salzkammerguts. Irre.

Der Junge vor mir steht auf. Dreht sich um und geht an mir vorbei. Ich schau ihn mir an. Das Gesicht ist halbseitig verzerrt. Die rechte Seite verkrampft. Der dünne Arm abgespreizt vor der Brust. Das rechte Handgelenk winkelt die dürre Hand spastisch ab. Ticks schütteln den armen Burschen. Kleine wie grössere.

“Ach Du Scheisse….!” – und ich Rindvieh seh nur mich und meinen bornierten Wunsch in Ruhe zu arbeiten. Kein Wunder nehmen die Eltern keine Notiz. Die grossen Ticks und Zuckungen sind wahrscheinlich Alltag. Nix besonderes in dem Leben das sie leben. Wahrscheinlich mit ein paar heftigeren und kräftigeren Anstrengungen neben denen meine bornierten Bemühungen zu arbeiten, wie die eines Spiessers ausschauen mögen…

Kaum vorzustellen, was passiert wäre, hätte ich mich tatsächlich so echauffiert und angestellt wie vorher ausgemalt.

Ich fühl mich schlecht, borniert, spiessig, egoistisch. “Wie konnte ich nur…?”

“Halt mal” denk ich, jetzt geht die Interpretation und Bewertung der Situation ja schon wieder los. Nur in die andere Richtung….

Also, nochmal: “Was beobachte ich?” Einen Jungen der sich unregelmässig aber intensiv im Sitz bewegt hat und jetzt aufgestanden ist, sowie eine erwachsene Frau und einen erwachsenen Mann, die keine Notiz auf die Reaktionen des Jungen zeigen.

Die beobachtbare Situation ist fast die gleiche. Nur meine Interpretation nicht. In der Aussenwelt hat sich nichts verändert. In meiner Innenwelt schon.

Bin ich doch um eine Erkenntnis reicher: Beobachtungen von Interpretationen trennen macht Sinn. Für den inneren und äusseren Frieden :-).

Den Bildschirmhintergrund für Euren schnellen Reflexionsmoment im Büro könnt Ihr hier unten herunterladen.

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